
Der letzte Plan
Es war einmal ein Mann mit einem Schreibtisch voller Post-its (nein, nicht wirklich, waren eher Metaplan-Karten und Visio-Modelle), der in der IT arbeitete. Wenn man 27 Jahre bei einem Unternehmen war, kann man zwei Dinge mit Sicherheit sagen:
Erstens: Man hat so gut wie jede Kaffeesorte im Betriebsrestaurant probiert – inklusive der, die nach Druckertoner schmeckt.
Zweitens: Man hat sich mit ziemlich vielen Systemen, Projekten und Menschen auseinandergesetzt – und meistens gleichzeitig.
Nein, ich war nicht einer von denen, die sich morgens mit Kaffee über Wasser hielten und nachmittags mit Exceltabellen (kam aber auch ab und zu vor, wie auch PowerPoint) die Welt erklärten. Sondern einer, der den Versuch unternahm, die IT-Landschaft eines Weltkonzerns zusammen mit den Kollegen zu strukturieren, zu verstehen – und vor allem: zu überleben.
Ich war in den letzten Jahren meiner Konzernkarriere als Enterprise-Architekt und Product Owner tätig. Ein Titel, bei dem die meisten Menschen an Wolkenkratzer, nicht an Datenmodelle denken. Meine Hauptverantwortung lag in der Methodengestaltung, Schulung und Moderation von Workshops rund um planningIT, einem mächtigen Werkzeug der Software AG, das auf Alfabet basiert – also einem System, das gleichzeitig unglaublich nützlich und hoffnungslos komplex ist. Man kann damit IT-Landschaften abbilden, Abhängigkeiten visualisieren und strategische Entscheidungen vorbereiten. Und man kann damit ganze Abteilungen in leichte Verwirrung stürzen, wenn man das Glossar nicht erklärt.
„Methodengestaltung" bedeutete in meinem Fall: Ich schrieb Regeln für etwas, das ständig versucht, sich ihnen zu entziehen. Und ich hielt Workshops ab, in denen Begriffe wie Applikationslebenszyklus, Capability Mapping oder Architektur-Reviewprozess nicht als exotische Spezies galten, sondern als tägliche Hausordnung.
Wenn ich Workshops hielt, ging es nicht nur um Modelle, sondern auch um Orientierung inmitten all der „Capabilities", „Relations" und „Heatmaps". Meine Mission: Komplexität reduzieren, ohne in Trivialität zu verfallen. Oder, wie ein Kollege es zu meinem Abschied nannte:
„Peter, Du hattest immer den Weitblick für das große Ganze. Der Weitblick bleibt, nur musst Du nicht mehr auf Prozesse, Tools und Frameworks schauen, sondern kannst die Weite Ostfrieslands und der Nordsee genießen ..." (Thomas H.)
Nebenher war ich IT-Serviceverantwortlicher für mehrere Anwendungen. Oder, wie man es in der agilen Welt nennt: Product Owner. Das klingt wie der Besitzer eines Hundes namens „Jira", ist aber in Wirklichkeit die Schnittstelle zwischen Fachlichkeit, Technik und gelegentlichem Wahnsinn. Ich durfte Projekte begleiten, die später in den Betrieb übergingen – das war manchmal wie ein Umzug, bei dem keiner weiß, ob der Strom schon abgestellt ist. Oft in der Rolle eines stillen Brückenbauers zwischen Business und IT. Oder, wie ich es manchmal empfand: als Dolmetscher zwischen zwei Spezies, die sich über ein Shared Drive näherkamen.
„Vielen Dank für die Unterstützung bei den geplanten Fragen und Schulungen der Azubis. Ich wünsche Dir viel Glück, Gesundheit, Ruhe und Entspannung für den kommenden Lebensabschnitt." (Sebastian H.)
Ich habe erlebt, wie Tools kamen, Tools gingen, wie Exceltabellen zu Lebensformen mutierten und wie man selbst im größten Systemdschungel einen roten Faden behalten kann – sofern man ihn vorher laminiert hat.
Dann kam das, was irgendwann kommt – der Übergang in den Vorruhestand. Und wie so vieles in den letzten Jahren, war auch mein Abschied nicht ganz so einfach wie geplant.
Ein großes Fest? Undenkbar – Corona war längst zum heimlichen Projektleiter aufgestiegen. Stattdessen gab es drei persönliche Ausstände, jeweils mit 10 bis 20 Kolleg:innen, wo man sich endlich – mit Abstand und Würde – in die Augen schauen konnte. Mein Chef war beim letzten Treffen immerhin per Videoschalte dabei, was in diesen Tagen fast schon als innige Geste galt. Und viele andere, mit denen mich über Jahre Projekte und Prozesse verbanden, verabschiedeten sich telefonisch oder per E-Mail.
„Lieber Peter, wir haben uns so lange nicht gesehen, und nun diese Nachricht. Wohlverdient, wie Du schreibst. Ich gehe davon aus, dass der Ruhestand bei Dir auch etwas mit Unruhe zu tun hat ..." (Ulli)
„Du wirst immer für deine harte Arbeit, Hilfsbereitschaft und Expertise im Laufe der Jahre in Erinnerung bleiben. Vielen Dank für dein Engagement für das Team und ..." (Priyanka)
„Du hast über sehr viele Jahre Wissen und Erfahrungen gesammelt und diese in vielen Projekten nicht nur für Audi wertbringend eingesetzt, sondern damit auch die Menschen in dem Umfeld jederzeit unterstützt. Damit hast Du auch einen großen Anteil daran, was das Produktteam SUP heute auszeichnet, nämlich Teamgeist, Wertschätzung, Respekt und gegenseitige Unterstützung ..." (Janusz)
Ich bin zutiefst dankbar für die Wertschätzung, die ich in dieser Zeit erfahren habe – aber noch viel mehr für die Menschen, mit denen ich gemeinsam Probleme gelöst, Projekte getragen, Prozesse entwirrt und Systeme zum Laufen gebracht habe.
„Herzlichen Dank, lieber Peter, für Deine treuen Dienste bei der Audi. Deine klare und manchmal unbequeme Art hat immer für ein konstruktives Auseinandersetzen mit Themen geführt ..." (Jakob)
„Servus Peter, auch wenn wir nur kurze Zeit zum Thema Release Management zusammengearbeitet haben, konnte ich von dir hierzu bereits viele Infos abgreifen ..." (Raffael)
„Hallo Peter, auch zu diesem Zeitpunkt nochmal: vielen Dank für ein jahrelanges Engagement im Architekturmanagement und Streiter für ein vollständiges, von allen Seiten unterstütztes EAM-Repository ..." (Christian)
Neustart mit Kabelsalat
Der Vorruhestand begann nicht mit einem Buch am Strand, sondern mit einer klaren Ansage: „Ich ziehe mit meinem Hund von Bayern zu meiner Frau nach Ostfriesland und richte dort jetzt endlich mein eigenes Netzwerk ein – und zwar richtig."
Mein erster Weg führte mich also nicht ins Reisebüro, sondern zur Umzugsfirma, danach zu Home Assistant, Pi-hole und IPv6-Konfigurationen. Ich schraubte an einem eigenen Windows-Server als Domänen-Controller, baute eine kleine Serverlandschaft mit Linux- und Windows-Clients und richtete meine Heimautomatisierung so ein, dass mir die Kaffeemaschine theoretisch den Wetterbericht vorlesen könnte – wenn ich nur die Rechte korrekt gesetzt bekäme.
Aber all das war nicht Selbstzweck. Es war Teil meines Wandels.
Von der Architektur zur Haltung
Mit jedem weiteren Schritt wurde mir klarer: Ich will nicht aufhören, Dinge strukturieren, begleiten und ermöglichen zu wollen – aber ich will es anders tun. Und ich will vor allem auch Menschen begleiten, Teams entwickeln und die IT menschlicher und nicht nur effizienter machen. Nicht mehr im Konzern, sondern mit der Freiheit, die nur eine eigene Gründung mit sich bringt.
So entstand MY COACHING FOR YOU – P. Hoenig, my-coaching4you.de: ein Unternehmen für Coaching und Beratung, das auf den Schultern meiner bisherigen Erfahrung ruht – und auf dem Willen, Menschen in ihrer Weiterentwicklung zu begleiten. Nicht als Antwortgeber, sondern als Wegbereiter.
Wie dieser Weg aussieht, wohin er mich führt – und was das mit Projektmanagement, TOGAF, ITIL und dem Leben zu tun hat, erzähle ich beim nächsten Mal.
Weiterdenken
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